figurez-vous...! Tanja Kling.Ágnes Lörincz.Birgit Zinth - Zeichnung.Malerei.Fotografie
Dr. Bernhard Stumpfhaus

figurez-vous...!

Ein Projekt von Tanja Kling (Zeichnung), Ágnes Lörincz (Malerei) und Birgit Zinth (Fotografie)

Stellen Sie sich vor, morgens schaute Sie aus dem Spiegel keine ahnungslose Maschine an, die nicht weiß, ob sie mit gutem Gewissen sagen kann: Das bin ich! Stellen Sie sich vor, Sie wüßten gewiß bei diesem ersten Blick – eigentlich bei jedem Blick – in den Spiegel, wer und was dieses Ich ist. Stellen Sie sich vor, Sie müßten sich nicht permanent fragen, was Sie nun eigentlich sind: ein Automat, dessen Ich eine Art User-Interface des Steuersystems im oberen Kugelwulst der Maschine darstellt, oder ein begehrendes Wesen, dessen Sehnsucht nach einem greifbaren, realen Gegenüber nicht nur die Hingabe an ein Bild darstellt, sondern eine den Alltag prägende Wirklichkeit. Stellen Sie sich vor, sie hätten die Wahl. Auf der einen Seite gäbe es kein Begehren und Sie wären nur ein funktionierender Roboter, Sie könnten ohne innere Konflikte, stets wach und mobil das ausführen, was gerade ansteht. Oder Sie hätten einen Willen, nach dem sie selbstbestimmt, befreit vom Getriebe Ihrer organischen Mechanik, das realisieren, was Sie sich wünschen. Und stellen Sie sich weiter vor, Sie könnten eine dieser Möglichkeiten realisieren. Sie wären ganz Maschine oder Sie wären ganz ein Seelenwesen! Wollen wir uns das vorstellen? Durch und durch bestimmt zu sein, ohne die Aussicht, sich gegebenenfalls auf die jeweils andere Position zurück ziehen zu können? Immer nur abhängig vom Automatismus funktionieren? Oder anders herum: immer frei und damit verantwortlich für das sein, was man will und tut? Oder ist es nicht doch besser, unbestimmt zu bleiben, beim Blick in den Spiegel sich selbst als ein Vexierbild wahrzunehmen, mal als unbeseelten Automaten, mal als beseeltes Ich? Ist es nicht besser, sich einmal dieses, ein andermal jenes und dann auch einmal etwas ganz anderes vorzustellen? Es ist doch vor allem die Vorstellungskraft, die es uns ermöglicht, unbestimmt in einem Bereich zu bleiben, welcher beide Auffassungen und darüber hinaus tausend andere zuläßt, ohne genötigt zu sein, ihn im Widerspruch mit sich selbst in die eine oder andere Richtung verlassen zu müssen. Figurez-vous!

Figurez-vous – so heißt das anspruchsvolle Projekt der drei Künstlerinnen Tanja Kling, Ágnes Lörincz und Birgit Zinth. Alle drei arbeiten im Gefiert des Bildes. Tanja Kling widmet sich vor allem dem grafischen und zeichnerischen Ausdruck, Ágnes Lörincz besonders der Malerei und Collage, Birgit Zinth hat sich vornehmlich der digitalen Fotografie verschrieben. Wie die unterschiedlichen Gestaltungsweisen allerdings vermuten lassen, nähern sich alle drei ihrem Sujet aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, so daß naturgemäß auch die gegenständlichen Sujets nicht identisch sind. In der zeichnerischen Grafik finden wir vor allem kleinfigürliche Szenen mit spärlicher, monochromer Farbgebung. Die großformatigen Malereien zeigen zumeist fragmentierte Körper, eingebettet in textile Muster und die Lichtbilder konfrontieren uns mit verwischten Gesichtern in urbanem Ambiente. So stellt zunächst die Zusammenarbeit der Künstlerinnen keine Selbstverständlichkeit dar. Und dennoch läßt sich in den Werken aller drei ein ähnliches Interesse ausmachen. Alle drei beschäftigen sich vor allem mit dem Menschen als Fokus ihres Arbeitens. Sie stellen, jede auf ihre Weise, die menschliche Gestalt, das Gesicht, die handelnden und beredten Körper als eine Art Leerstelle dar.

Leerstellen sprechen bekanntlich die Phantasie an. Sie wollen ausgefüllt werden, erst recht, wenn es sich um Darstellungen von Menschen handelt. Eine alte Gewohnheit nötigt, genauer zuzusehen, was sie tun, wie sie aussehen, was sich in ihren Gesichtern eingebildet findet. Doch die Leerstellen sind keine Platzhalter für willkürliche Plazierungen, sie passen nicht jedem Gegenstand, dessen sich der Betrachter bedienen will, sie zu füllen. Vielmehr gleichen sie den mit Klang und Nachhall besetzten Pausen einer Musik. So müssen wir uns die Bilder genauer anschauen, die Künstlerinnen besser kennenlernen, um eine Bestimmung des unbestimmt Gelassenen genauer vornehmen zu können.


» figurez-vous...! Ausstellungskatalog (pdf)



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